Der Standort

Die Revitalisierung der verbleibenden innerstädtischen Industriebrachen ist einer der Schwerpunkte in der Schluss-Etappe der Sanierungsmaßnahme „Innenstadt“, gilt es doch auch in diesem Stadtquartier die letzten städtebaulichen Missstände zu beseitigen. Das muss nicht immer gleich Abriss bedeuten, gerade bei wichtigen Zeugen Finsterwalder Industriekultur stellt sich zuerst die Frage nach der Möglichkeit einer sinnvollen Nachnutzung. So auch beim Industriedenkmal „Schaefersche Tuchfabrik“

in der Leipziger Straße 57 mit der einzigen noch in der Region vorhandenen Shedhalle, das von der Stadt erworben wurde, um einen weiteren Verfall zu verhindern. Viele Finsterwalder verbinden zudem mit der Tuchfabrik als Lehrlingsausbildungsstätte auch ein Stück Lebensgeschichte. Zunächst wurden Bestandsuntersuchungen beauftragt und erste Sicherungsmaßnahmen vorgenommen am Heizhaus und an den der ehemaligen Weberei, in der bald die Künstlergruppe MORPH ihr Sommer-Atelier einrichtete. Der Erhalt eines großen Denkmalsobjektes wie der Shedhalle funktioniert jedoch nicht ohne ein nachhaltiges Nutzungskonzept. Was also lag näher, darüber nachzudenken, ob sich an diesem nur einen Steinwurf vom „Hundertwasser“-Projekt gelegenen Standort die Idee eines Sängerstadt Kultur-, Kunst- und Kongresszentrums, wie sie Bürgermeister Jörg Gampe ins Gespräch brachte, realisieren lässt.

Besteht hier für die Stadt die Chance, mit der Nachnutzung eines mitten in der Stadt gelegenen Industriedenkmals als Veranstaltungsort etwas Eigenständiges und Identität Stiftendes zu schaffen? Die Frage der Machbarkeit sollte in einem mehrstufiger Verfahren mit intensiver Bürgerbeteiligung und einem Architektenwettbewerb geklärt werden.

Exkurs: Entstehung des Tuchfabrik-Standortes Leipziger Straße 57

Der Tuchmachermeister Gottlob Carl Schaefer gründete 1845 ein kleines Tuchunternehmen, dass sich in den nachfolgenden Jahren zu einem der bedeutendsten Textilbetriebe der prosperierenden Industriestadt Finsterwalde entwickeln sollte. 1853 war die Grundsteinlegung für die Fabrikanlage in der Leipziger Straße. Zur Produktionspalette des aufstrebenden Unternehmens gehörten vor allem schwarze Tuche und Satins. In den 1880er Jahren übernahmen die Söhne Richard und Curt Schaefer das Unternehmen. Sie ließen 1889 das große Spinnereigebäude errichten (eingeschossiger, später mehrfach erweiterter Ziegelbau mit imposantem Sheddach, deren hölzerne Dachbinderkonstruktion auf Gusseisenstützen aufgesetzt ist). Der Bau war entsprechend dem technologischen Prozess der Fabrik – Spinnerei, Spulerei, Zwirnerei und Kettschärerei – aufgeteilt. Als Zentralantrieb der Fabrik diente anfangs vermutlich eine Lokomobile. Die Maschinen wurden über eine ausgedehnte Transmissionsanlage angetrieben, die im Wesentlichen an den Eisenstützen aufgehängt war. Ein Jahr später, im Jahr 1890, kam ein weiteres großes Gebäude im nördlichen Teil des Firmenareals hinzu. Der zweigeschossige, unterkellerte unverputzte Ziegelgeschossbau auf rechteckigem Grundriss diente zunächst als Wolllager. Nach einem Brandschaden im Jahr 1936 wurde das Gebäude wieder aufgebaut, in der Horizontale erweitert und um ein weiteres Geschoss ergänzt. Hier wurde jetzt die Weberei untergebracht, deren Maschinen nun über Elektroeinzelantriebe verfügten. Nachdem der vorhandene Zentralantrieb den Produktionserfordernissen nicht mehr genügte war im Jahr 1907 ein Kesselhaus mit hohem Schornstein (heute 56 m, Nutzung als Träger einer Telekommunikationsanlage) errichtet worden, das bereits1924 modernisiert wurde. Die technischen Anlagen (meist aus dem Jahr 1939 zur Prozessdampf und Wärmeversorgung) sind komplett überliefert und prägen ganz entscheidend den Denkmalwert dieses Funktionsbaus, der im oberen Teil in Stahlbetonbauweise ausgeführt ist (wahrscheinlich im Zuge der Modernisierung) und durch ein Flachdach abgeschlossen ist, das auf einer Eisenfachwerkbinderkonstruktion aufgesetzt ist.

Bau und technikgeschichtliche Bedeutung

Die Fabrikanlage in der Leipziger Straße ist nach wie vor ein Zeugnis des auf die Produktionserfordernisse angepassten, funktionalen Fabrikareals. Von besonderer Bedeutung ist hier die Sheddach Halle, die architektonisch von ihrer besonderen Dachform geprägt ist, wo über einer großen Grundfläche mehrere pult- oder satteldachartige, nach Norden verglaste Dachaufbauten (so genannte „Reiter") hinter- und aneinandergereiht sind. Dadurch wird eine Tageslichtausleuchtung durch den natürlichen Lichteinfall aus Norden blendfrei ohne Bildung von Schlagschatten erreicht. Die steile, nach Norden ausgerichtete Seite der Dachreiter ist, wie in Finsterwalde, lichtdurchlässig ausgeführt. Damit wurde die gleichmäßige und optimierte Tagesbelichtung (schlagschattenfrei) der Produktionshalle erreicht. In Gebäuden, in denen Blendung eine nachrangige Rolle spielte, konnten und werden heute wieder Sheddächer auch in andere Himmelsrichtungen als Norden ausgerichtet. Erfolgt dabei eine zweiseitige Belichtung über seitlich zusätzlich angeordneter Oberlichter in Sheddächern, steigt die Beleuchtungsstärke in der Raummitte an und wird an den Wänden optimiert. Ab der Zwischenkriegszeit und dann vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg verlieren die Sheddächer durch elektrische Beleuchtung, vor allem durch den Einsatz von Leuchtstoffröhren, an Bedeutung. Das Sheddach in der Schäfer'schen Fabrik ist in klassischer Bauart errichtet worden, war zur Bauzeit neuster Stand im Industriebau und stellt in der ehemaligen Industriestadt Finsterwalde inzwischen ein bau- und technikgeschichtliches Alleinstellungsmerkmal dar, ist somit ein einzigartiges Zeugnis der Industriekultur dieser Stadt. Dabei zeigen sich inzwischen auch die Schwachstellen dieser herkömmlichen Konstruktion: Witterungseinflüsse und Gewicht der Dachkonstruktion führen regelmäßig aufgrund des relativ großen Neigungswinkels, insbesondere bei Verwendung von Dachpappe, zu Undichtigkeiten vor allem in den Randbereichen der Abdichtung des Daches. Dort treffen verschiedene Materialien, Lüftungen und Abflüsse aufeinander. Gleichwohl überwogen, regelmäßige Instandhaltungsmaßnahmen und Wartungsarbeiten vorausgesetzt, die Vorteile dieser Dächer.

Ein weiteres technikgeschichtliches Zeugnis von Rang ist das Kesselhaus mit seiner weitgehend komplett überlieferten technischen Ausstattung. Kernstück dieser Anlage ist der inzwischen sehr selten überlieferte Flammrohr-Rauchrohr-Kombikessel. Darüber hinaus gehören zum Schutzumfang des Denkmals die inzwischen ausgelagerten Maschinen. Die teilweise unikate technische Ausrüstung der Schäfer´schen Fabrik sollte der Grundstein für ein regionales Textilmuseum sein. Die Garn- und Gewebeproduktion wird durch Maschinen und Geräte manifestiert, deren technikgeschichtliche Bedeutung sowohl durch ihre Konstruktion als auch durch ihren Seltenheitswert bestimmt ist.

Letztlich hat die Textilfabrik durch ihre Stadtbildprägung städtebauliche Bedeutung. Am südwestlichen Rand der Altstadt zwischen Brandenburger und Leipziger Straße, genau gegenüber dem Schlossareal gelegen, prägt und besetzt sie den dortigen Stadtraum und stellt die bauliche Verbindung zwischen Stadtschloss und dem westlichen Stadtteil in Richtung Bürgerheide her. Gleichzeitig markiert die Fabrik als eines der letzten verbliebenen Zeugnisse das ehemalige Industriegebiet südlich der Finsterwalder Altstadt. Der 56 m hohe Industrieschornstein ist weithin sichtbar und symbolisiert diese industriekulturelle Tradition.

Das denkmalgeschützte Ensemble der ehemaligen Schäfer´schen Textilfabrik ist nicht zuletzt von überregionaler, nationaler Bedeutung. Mit seiner dem sich wandelnden Produktionsprozessen angepassten Architektur ist das Denkmalensemble nicht nur geeignet die Herausforderung einer funktionale Industriebauaufgabe zu dokumentieren. Vielmehr ist an diesem Standort der Transformationsprozess einer Schlüsselindustrie der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart nachvollziehbar. Von besonderer Bedeutung ist die inzwischen selten gewordene historische Sheddach Halle. Im Zuge energieeffizienter Industriebaulösungen gewinnen moderne Sheddächer gegenwärtig sukzessive wieder an Bedeutung. ln dem Projekt der Revitalisierung des Fabrikgeländes steht neben dem Neubau der Veranstaltungshalle unter Einbeziehung des historischen Bestandes der Erhalt der Sheddach Konstruktion im Fokus.
Die Stadt Finsterwalde mit ihrem historischen Stadtkern als mittelalterliche Planstadt mit großem Marktplatz, frei stehendem Rathaus, protestantischer Stadtkirche des 16. Jahrhunderts sowie der Renaissance- Burganlage wurde 2010 im Rahmen der bundesweiten Erfassung von Stadtkernen und Stadtbereichen eine besondere nationale Denkmalbedeutung zugewiesen. Das in Rede stehende, denkmalgeschützte Fabrikgelände grenzt unmittelbar an diesen historischen Kernbereich der Stadt und stellt mit seiner Topographie ein Bindeglied zur industriellen Stadterweiterung dar und dokumentiert so den Transformationsprozess der Stadt vom kleinen Ackerbürgerstädtchen zur bedeutenden Industriestadt an der südlichen Peripherie des heutigen Bundeslandes Brandenburg.

Stadt-, industrie- und wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung:

Die Tuchfabrik der Unternehmerfamilie Schaefer prägte seit den 1880er Jahren über mehrere Jahrzehnte die industrielle Entwicklung der Stadt Finsterwalde mit. Um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte die Fabrik 120 Beschäftigte. Zu der Zeit waren hier 37 mechanische Webstühle in Betrieb. Die Fabrik produzierte vor allem für öffentliche Auftragnehmer. Mitte der 1930er Jahre war das Schaeferische Unternehmen die zweitgrößte Fabrik der Stadt nach der Koswigschen Textilfabrik in der Brunnenstraße. Hier arbeiteten mehr als 150 Beschäftigte an nunmehr 65 Webstühlen, sieben Selfaktoren (Spinnmaschinen) mit 2.562 Spulen und sechs Krempeln. Im Oktober 1943 wurde die Fabrik kriegsbedingt geschlossen. Sie ging nur wenige Monate nach Kriegsende wieder in Betrieb und produzierte vor allem Uniformstoff als Reparationsleistungen für die sowjetische Besatzungsarmee. Als Teil der späteren VEB Feintuchfabriken Finsterwalde stellte man hier vor allem Streich- und Kammgarngewebe her, bevor die ehemalige Schaefersche Fabrik ein Ausbildungsbetrieb für Textilfacharbeiter wurde. 1990 stillgelegt, sollte das Gelände perspektivisch als Museum der regionalen Textilindustrie entwickelt werden

Förderverein Stadthalle Finsterwalde

 

Gründung

21. April 2016

Ziel

Zweck des Vereins ist die Förderung der Stadthalle Finsterwalde und die Belebung und Entwicklung der Kunst und Kultur in der Sängerstadt, insbesondere durch Veranstaltungen in dem Gebäude der Stadthalle.    

Vorstand

Rainer Willems (Vorsitzender)
Uwe Boche
Petra Kröger-Schumann
Lothar Thor
Gabriele Krink
Manfred Schäfer
Siegfried Fritsche
Nassib Ahmadieh
Bürgermeister Jörg Gampe
Stadtverordnete Marlies Homagk

Kontakt

Förderverein der Finsterwalder Stadthalle
Rainer Willems
Vorsitzender
PF 1118
03231 Finsterwalde

Mobil: 01520 171 96 52
Mail: willems.rainer@gmx.de

Beitrittserklärung